Autorinnen und Autoren
Urs Allemann
«Die Tradition ist tot, es lebe die Tradition.» Tradition spiegelt sich auch in Urs Allemanns Handwerk. Er gehört zu den Lyrikern, die sich die alten Formen zurückerobern. Er hat wie kaum ein Lyriker sonst begriffen, dass das Gedicht Mundwerk ist im buchstäblichen Sinn; es entsteht im Rachenraum. Da zischt und schnattert, da hämmert und gurgelt es. Da lautet es! Manchmal versteht man dann kein Wort – aber die Geschichten sind durch den Sprachgestus und -duktus immer evident. Langweilig ist das keinen Moment, auch nicht in Fällen, wo man jedes Wort einzeln, aber kein einziges Wort im Zusammenhang versteht; da nimmt sich Allemann die Lizenz, Elias Canettis einst formulierter Einsicht zu folgen, dass Sprache keineswegs immer unmittelbar der Kommunikation zu dienen verpflichtet sei, vielmehr auch die Fähigkeit habe, die lustvolle Verweigerung von Kommunikation, nämlich Dunkelheit und Rätsel, herzustellen.
• Im Kinde schwirren die Ahnen. 52 Gedichte, mit CD (Lesung der Gedichte durch den Autor), Urs Engeler Editor 2008
• schoen! schoen! Gedichte, Urs Engeler Editor 2003
• Holder die Polder. Oden, Elegien, Andere, Urs Engeler Editor 2001
Urs Allemann liest am Samstag, 28. August, um 15.00 Uhr hinter dem Casino in der Herrengasse
Peter Bichsel
Es ist schon verblüffend und immer wieder von Neuem staunenswert: Peter Bichsel gelingt seit bald fünfzig Jahren etwas, das sich wahrscheinlich jeder Autor wünscht, nämlich von jenen gelesen zu werden, die viel lesen, aber auch von jenen, die wenig lesen. Damit dürfte er der einzige Schweizer Schriftsteller sein, von dem jeder Deutschschweizer schon einmal etwas gehört hat – seien es die Kurzgeschichten, die bereits heute in der Schule gelesen werden, oder eine seiner Kolumnen. In seinen Plädoyers fürs Lesen, die auch die Möglichkeit des Nicht-Verstehens einbeziehen, zeigt er, wie ernst und undogmatisch mit Büchern umgegangen werden kann und wie der Leser, die Leserin eine intime Beziehung zum Autor eingeht. Zitat: «Bücher muss man haben. Sie machen so schön sesshaft und verderben einem Umzugs- und Fluchtgedanken.» Bichsel zu lesen, aber noch lieber, ihn zu hören, erweckt immer eine kindliche Neugierde. Seine tiefe Menschlichkeit, die sich auch zu einer leidenschaftlichen Empörung steigern kann, macht ihn zu einem der ganz Grossen.
• Über Gott und die Welt. Texte zur Religion, Suhrkamp 2009
• Heute kommt Johnson nicht. Kolumnen 2005 – 2008, Suhrkamp 2008
• Dezembergeschichten. Hrsg. und mit einem Nachwort von Adrienne Schneider, Insel Verlag 2007
Peter Bichsel
liest am Freitag, 27. August, zusammen mit Jörg Steiner um 20.00 Uhr in Meikirch und am Samstag, 28. August, um 14.00 Uhr auf dem Münsterplatz
Arno Camenisch
Arno Camenisch lässt sich mit seinem ersten Roman «Sez Ner» auf ein Männerbiotop eines Alpsommers in der Surselva ein. Und jenseits von bekannter Bergromantik erzählt er in zärtlicher Lakonie vom Alltag zwischen Kuh und Käse, von langen Stunden bei Kaffee und Rössli-Stumpen und kurzen Einschlägen harter Philosophie. Die Religion hänge zwischen den Beinen, sagt da einer, und mit Gott spreche er nicht in der Kirche, sondern am besten, wenn er von Hand mähe. Camenisch zeigt, dass der Sennerberuf von immer weniger ansässigen Bewohnern betrieben wird. Vermehrt leben Städter aus dem Unterland auf der Alp, die kommen, um die Natur (wieder-) zu entdecken und sich als «Sennen» nicht betriebener Alpen zu betätigen. In kurzen Prosastücken beschreibt Arno Camenisch Geschichten von Kühen und Schweinen, Katzen und Hunden, von der Polenta und dem Käse, von Alkohol und Rauchwaren, von Wind und Wetter, Mann und Frau, den Leuten aus dem Unterland und den Bauern aus den Tälern Graubündens. Tradition trifft auf Fortschritt und Tourismus, wobei der Fortschritt nicht immer Nachteile für die Berge bringt.
• Sez Ner. Prosa deutsch und rätoromanisch, Urs Engeler Editor 2009
Arno Camenisch liest zusammen mit Camille Luscher auf Rätoromanisch, Deutsch und Französisch am Samstag, 28. August, um 13.00 Uhr hinter dem Münster
Antonio Fian
Neben Lyrik und Prosa schreibt Antonio Fian eine besondere Spezialität: Dramolette, also satirische Kürzestdramen. Dazu greift er meist auf Zeitungsberichte, Interviews und einzelne Aussagen zurück, pflückt Kernsätze heraus und legt den mehr oder weniger Prominenten das Gesagte wieder zurück in den Mund. Durch die verfremdete oder verstärkte Szenerie, die er um diese Sätze baut, schaffen und bekommen die Dramolette eine neue Realität. Inzwischen werden sie regelmässig am Wiener Volkstheater aufgeführt. Die «Wiener Zeitung» notiert: «Wenn Fian parodiert, tut er dem Original Furchtbares an; er ahmt es nicht nach, er ersetzt es.» Was immer Fian schreibt, er verbindet seine unverkennbare Sprache mit einer finsteren Heiterkeit. Antonio Fian lebt und arbeitet in Wien.
• Im Schlaf. Erzählungen nach Träumen, Droschl Verlag 2009
• Bohrende Fragen. Dramolette IV, Droschl Verlag 2007
• Fertige Gedichte. Droschl Verlag 2005
Antonio Fian liest am Samstag, 28. August, um 15.00 Uhr auf der Münsterplattform
Christoph Geiser
Literatur dürfe unanständig sein und sie müsse Grenzen verletzen, lautet ein zentraler Bekenntnissatz von Christoph Geiser. Auch die Grenzen zwischen den Künsten verschwimmen: Malerei, Musik und Literatur bilden das Fundament Geisers radikal ästhetischer Weltsicht wie etwa in der Textsammlung «Der Angler des Zufalls». Er ist kein Autor der allzu direkten, dafür aber der ungeheuer mächtigen Worte. Kein anderer zeitgenössischer Schweizer Autor vermag derart souverän, klangvoll und poetisch mit Sprache umzugehen wie Christoph Geiser. Für ihn ist das Schreiben Lebensnotwendigkeit, täglicher Kampf um Worte und Bewältigung der eigenen Geschichte in einem.
• Der Angler des Zufalls. Schreibszenen, hrsg. von Michael Schläfli, Männerschwarm Verlag 2009
• Wenn der Mann im Mond erwacht, Ein Regelverstoss. Roman, Ammann Verlag 2008
• Grünsee/Brachland. Zwei Romane, Ammann Verlag, Zürich 2006
• Über Wasser. Roman, Ammann Verlag 2003
Christoph Geiser liest am Samstag, 28. August, um 15.00 Uhr in der Brunngasse
Lukas Hartmann
Der Berner Schriftsteller Lukas Hartmann erhält in diesem Jahr den ersten Grossen Literaturpreis von Stadt und Kanton Bern. Immer wieder rückte Hartmann die Geschichte Berns in den Fokus – so in seinem Roman «Die Seuche» oder in «Die Mohrin». Sein neuer Roman «Finsteres Glück» erscheint in diesem Sommer. 11. August 1999, totale Sonnenfinsternis: Eine fünfköpfige Familie fährt wie Tausende andere ins Elsass, wo das Naturschauspiel besonders gut zu sehen ist. Doch nur Yves, der jüngste Sohn, kehrt lebend von diesem Ausflug zurück. In der Nacht wird Eliane Hess, Psychologin und alleinerziehende Mutter, ins Krankenhaus gerufen: Der achtjährige Yves, wie durch ein Wunder unverletzt, steht unter Schock. In nervöser Hast erzählt er und erzählt – nur vom Wesentlichen nicht. Stück für Stück setzt sich für Eliane das Bild einer Familie zusammen, die mit offenen Augen auf die Katastrophe zusteuerte. Und immer schwieriger wird es für sie, professionelle Distanz zu wahren. Yves' Schicksal erschüttert und fasziniert sie – ähnlich wie seit ihrer Jugend der Isenheimer Altar, von dem es heisst, dass auf seiner ersten Tafel eine Sonnenfinsternis dargestellt ist. Als zwischen den Verwandten des Jungen ein Tauziehen um Yves' Zukunft beginnt, trifft Eliane eine unorthodoxe Entscheidung, die ihr eigenes Leben und das ihrer beiden Töchter aus der Bahn wirft. Ein berührender Roman über Geborgenheit und Verlust; über die Familienbande, denen wir nicht entkommen und über Bindungen, die wir uns selbst erschaffen.
• Finsteres Glück. Roman, Diogenes Verlag 2010
• Bis ans Ende der Meere. Roman, Diogenes Verlag 2009
Lukas Hartmann erhält am Donnerstag, 26. August, um 20.00 Uhr den ersten Berner Literaturpreis von Stadt und Kanton Bern und liest am Samstag, 28. August, um 16.00 Uhr auf dem Münsterplatz
Judith Hermann
Sechs Jahre hat sich Judith Hermann Zeit gelassen seit ihrem letzten Erzählband «Nichts als Gespenster». Zum ersten Mal stehen nicht die Beziehungen, Liebe oder erloschene Liebe im Vordergrund, sondern sie erzählt vom Tod und vom Verlust eines Menschen. Judith Hermann versammelt in ihrem dritten Erzählband «Alice» fünf Geschichten vom Sterben und Verlassenwerden. Die fünf Geschichten kreisen um Alice und um die Dinge, die zurückgeblieben sind: Bücher, Briefe, Bilder. «Es geht weniger um die, die sterben, als vielmehr um die, die zurückbleiben», sagt Judith Hermann. «Es geht darum, wie man weiter da draussen auf der Strasse rumgehen kann, während jemand anderes das nicht mehr kann». Der Tod mag das abgründigste Thema aller Literatur sein – zum tiefsten wird es erst, wenn die künstlerische Beschäftigung damit die Oberfläche verlässt. Der Blick in den Geschichten von Judith Hermann ruht denn auch nicht auf den Toten, sondern auf den Lebenden. «Alice» ist kein trauriges Buch. Es geht zwar um Abschied und Tod, aber der Zauber des Lebens überwiegt. Mit ihren leisen, verhaltenen Erzählungen ist Judith Hermann ein grosses Buch gelungen.
• Alice, Erzählungen. S. Fischer 2009
• Nichts als Gespenster. Erzählungen, S. Fischer 2003
• Sommerhaus, später. Erzählungen, S. Fischer 1998
Judith Hermann liest am Freitag, 27. August, um 20.00 Uhr in Schwarzenburg und am Samstag, 28. August, um 15.00 Uhr auf dem Münsterplatz
Alois Hotschnig
Alois Hotschnig ist ein stiller Meister hochkonzentrierten Erzählens und zählt zu den besten Schriftstellern seiner Generation. Die alpenländische Herkunft hat seinen Blick für die abgelegenen, riskanten Landschaften des Daseins geschärft. Mit seiner Sprach- und Schreibpräzision gelingt es ihm, im neuen Erzählband «Im Sitzen läuft es sich besser davon» das Zwanghafte einzufangen, Absurditäten und Aporien zu zeigen und Mitgefühl für Menschen zu mobilisieren, die nicht anders können, obwohl sie gern anders wollten. Durchgehend sind es Menschen am Rand der Gesellschaft, die in Hotschnigs Erzählungen miteinander, vor allem aber aneinander vorbei sprechen: Insassen von Altersheimen, Psychiatriepatienten, Hypochonder im Wartezimmer, Menschen mit seelischen Beschädigungen, die am Alltag scheitern oder mit dem anbrechenden Ende ihres Lebens nicht zurecht kommen. Seine Protagonisten sitzen fest, haben aber den Traum vom Weglaufen noch nicht aufgegeben.
• Im Sitzen läuft es sich besser davon. Kiepenheuer & Witsch 2009
• Die Kinder beruhigte das nicht. Erzählungen, Kiepenheuer & Witsch 2006
• Ludwigs Zimmer. Roman, Kiepenheuer & Witsch 2000
Alois Hotschnig liest am Samstag, 28. August, um 13.00 Uhr auf der Münsterplattform
Sandra Hughes
In ihrem zweiten Roman «Maus im Kopf» schlüpft Sandra Hughes in die Haut eines arbeitslosen Buchhalters – eine szenische Reise in die klaustrophobischen Hirnwindungen eines verhinderten Amokläufers. Die Maus ist mittlerweile zu einem Epochenwort geworden. Während die Älteren noch das kleine Nagetier aus dem Keller meinen, denken die Jüngeren ausschliesslich an dieses kleine Ding, das elegant in der Hand liegt und den Curser auf dem Bildschirm bewegt. In Sandra Hughes' Roman spielen beide Mäuse eine Rolle. Der Held nämlich ist einsamer Computer- Freak und verschreckter Lebens-Solist in einem, einer, der isoliert von der Gesellschaft lebt. Der Übergang zwischen seiner erlebten Realität und seiner Fantasie erfolgt fliessend. Sandra Hughes hat ein bedrückendes Porträt eines tragischen Dutzendhelden komponiert. Wir alle kennen diese zurückgezogenen Typen, die wir nie zu Gesicht bekommen, weil sie immer am anderen Ende des Netzes an ihrem Einsamkeits-Screen sitzen.
• Maus im Kopf. Roman, Limmat Verlag 2009
• Lee Gustavo. Roman, Limmat Verlag 2006
Sandra Hughes liest am Samstag, 28. August, um 16.00 Uhr in der Brunngasse
Matto Kämpf
Matto Kämpf, geboren 1970, Berner, schreibt Kurztexte, Filme und Theaterstücke. Er ist ein Meister der Absurditäten und Knecht der Schweizer Eigenartigkeiten: So wie er schreibt, scheint es, als habe er keine Wahl, diese zu beobachten oder nicht: Er sieht sie einfach, die Absurditäten, und muss sie beschreiben. Nach «Tiergeschichten» legt Matto Kämpf mit «Krimi» sein zweites Buch vor. Es ist eine Variation und Parodie einer typisch schweizerischen Kriminalgeschichte. Darin zieht es den Kommissar von der Stadt aufs Land in ein kleines Dorf, wie es sie überall in der Schweiz gibt. In diesem Dorf hängt ein toter Mann am Zwetschgenbaum, durchlöchert von einer Mistgabel. Der Krimi endet tragisch «nach unzähligen Schlachtplatten-Fiaskos, Crèmeschnitten-Eskapaden und Pflümli-Katastrophen».
• Krimi. Verlag Der gesunde Menschenversand 2009
• Matto Kämpf / Noyau, Isch es wahr? 12 Postkarten (mit Text auf Rückseite), Verlag Der gesunde Menschenversand 2009
• Tiergeschichten. Verlag Der gesunde Menschenversand 2007
Matto Kämpf liest am Samstag, 28. August, um 17.00 Uhr in der Brunngasse
Pedro Lenz
Im ersten Roman von Pedro Lenz «Der Goalie bin ig» hält ein Ich-Erzähler Rückschau auf ein verlorenes Paradies. Der «Goalie», ein Süchtiger aus einem Dorf im Mittelland, erzählt in Umgangssprache von seiner Lebenswelt in den 80er-Jahren. Seine Sicht auf die Umgebung ist getrübt vom Wunsch, sein bisheriges Leben schönzureden. Nach einer Gefängnisstrafe versucht er wieder im Alltag Fuss zu fassen, findet eine Gelegenheitsarbeit, verliebt sich in eine Serviererin und reist mit der Angebeteten nach Spanien – trotzdem holen ihn die alten Geschichten immer wieder ein. Pedro Lenz ist ein Meister darin, Redensarten, die viel Ungesagtes verbergen, in seine Texte einzubauen. Er ist sehr nahe an den Leuten und übersetzt ihre Art zu reden, ihre Alltagssprache, den Dialekt, in eine präzise literarische Sprache. Seine Figuren sind die üblichen Altrocker, die Sitzengebliebenen und die Kleinkriminellen aus der Provinz. «Diese Leute sind das Gegenmodell zum visionären Erfolgstypen, den man uns als Ideal verkauft», so Pedro Lenz. Sie erweisen sich zwar meist als harmlos, bringen aber ein bisschen Unheimlichkeit in den Alltag des Normalbürgers.
• Der Goalie bin ig. Roman in Berner Mundart, edition spoken script IV, Verlag Der gesunde Menschenversand 2010
• Plötzlech hets di am Füdle. Gedichte in Berner Mundart, Cosmos Verlag AG 2008
Pedro Lenz liest am Freitag, 27. August, um 20.30 Uhr in Münchenbuchsee im Loosli-Abend zusammen mit Beat Sterchi und Fredi Lerch, begleitet von schön&fön und am Samstag, 28. August, um 20.00 Uhr und nach 23.00 Uhr mit Raphael Urweider in der Turnhalle des PROGR
Fredi Lerch
Fredi Lerch, Journalist und Publizist, lebt und arbeitet in Bern. Er ist Mitherausgeber der siebenbändigen C. A. Loosli-Werkausgabe. Er hat eine Geschichte des Berner Nonkonformismus veröffentlicht («Begerts letzte Lektion», 1996; «Muellers Weg ins Paradies», 2001) sowie Reportagen («Mit beiden Beinen im Boden», 1995) und Lyrik. Zwischen 1982 und 2001 arbeitete er als Redaktor und Journalist für die Wochenzeitung (WoZ), seither als freier Journalist, vor allem für die Gewerkschaftszeitung «Work». Mit der hervorragend gestalteten Werkausgabe wird der streitbare Aussenseiter und kämpferische Humanist Carl Albert Loosli endlich auch in der Schweiz «eingebürgert». Die Dokumentationen und vielfältigen Zusatzinformationen der einzelnen Bände vermitteln zugleich ein reiches und höchst anschauliches Bild der politischen Schweiz in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
• C. A. Loosli-Werkausgabe, zusammen mit Erwin Marti, Rotpunktverlag 2006 – 2009
• Echsenland. Lyrische Chronik. Gedichte, Rotpunktverlag 2005
• Muellers Weg ins Paradies, Nonkonformismus im Bern der sechziger Jahre. Rotpunkt-Verlag 2001
Fredi Lerch liest am Freitag, 27. August, um 20.30 Uhr in Münchenbuchsee im Loosli-Abend zusammen mit Beat Sterchi und Pedro Lenz in Begleitung von schön&fön
Urs Mannhart
Urs Mannhart ist ein hinreissender Essayist des Auges, ein bildgewaltiger Erfinder, der sogar weiss, «wie die herangewehte Stille im krüppelwüchsigen Gebüsch hängen bleibt». Das zeigt er mit seiner aussergewöhnlichen Sprache in seinem letzten Roman «Die Anomalie des geomagnetischen Feldes südöstlich von Domodossola», für Mannhart ein Sackbahnhof der Liebe, Endstation des Lebens. Er arbeitet unter anderem auch mit Musikern, Fotografen und Zeichnern zusammen, lebt als Schriftsteller und Velokurier in Bern, Langenthal, Eriswil und Zürich und gleich in welchen anderen Ortschaften, wohin auch immer ein Zug rollt, und sei es ein ausserfahrplanmässiger. Urs Mannhart wird unveröffentlichte Arbeiten lesen.
• Kuriernovelle oder Der heimliche noch zu überbringende Schlüsselbund der Antonia Settembrini. Novelle, Velokurier Bern 2008
• Die Anomalie des geomagnetischen Feldes südöstlich von Domodossola. Roman, Bilgerverlag 2006
• Der Luchs. Roman, Bilgerverlag 2004
Urs Mannhart liest am Samstag, 28. August, um 14.00 Uhr in der Brunngasse
Francesco Micieli
Die Werke Francesco Micielis sind in kurzen präzisen Sätzen verfasst und teilweise von einer solch poetischen Klarheit, dass sich die Bilder für das Unbenennbare zwischen den Zeilen öffnen. Die Sprache erhält so eine Intensität, die mit dem so genannten «Ausschreiben» des Textes kaum erreichbar wäre. Micielis Schreiben ist auch Ausdruck einer Skepsis gegenüber Sprache und ihren Strukturen, zumal gegen die Eins-zu-Eins-Zuordnung von Wörtern zu Sachverhalten der Realität. In seinem letzten Buch, das versammelte Aufsätze, Kolumnen und Vorträge enthält, zeigt er seine Gewissheit, dass Sprache Sinn und Identität stiftet, dass die «Grenzen unserer Sprache die Grenzen unserer Welt» (Wittgenstein) sind.
• Fantasmi. Auf-Zeichnungen & Postkarten an & für Urs Dickerhof, edition clandestin Biel 2008
• Mein Vater geht jeden Tag vier Mal die Treppen hinauf und hinunter. Verlag die brotsuppe 2007
• Am Strand ein Buch. Eine Erzählung, Verlag X-Time 2006
• Liebe im Klimawandel. Zytglogge Verlag 2010
Francesco Micieli liest am Samstag, 28. August, um 13.40 Uhr hinter dem Casino in der Herrengasse
Milena Moser
Bekannt geworden ist Milena Moser mit dem Roman «Die Putzfraueninsel», aber auch die Titel ihrer letzten Bücher sind durch ihre Eingängigkeit vielen noch im Ohr. Der neue Roman hat wieder einen offensiven Titel: «Möchtegern» ist ihr mittlerweile 14. Buch. Milena Moser selbst sagt darüber: «Dieses Buch ist meine Superblondine. So wie sich ältere Herren zur Midlife-Crisis einen Sportwagen zulegen oder eben eine Blondine, so habe ich mir dieses Buch geleistet.» Ohne einen Verlagsvertrag im Rücken verfasste sie das Buch «in Freiheit», um sich selbst wieder die Möglichkeit zu geben, ohne Zwänge zu schreiben. Die Möchtegerns in ihrem neuen Roman sind Teilnehmerinnen und Teilnehmer einer Casting-Show im Fernsehen; aber es werden keine Gesangswunder, Laufstegschönheiten oder Lebensabschnittsgefährten gesucht, sondern der neue «Schweizer SchreibStar». Hauptfigur ist die einstmals sehr erfolgreiche Autorin Mimosa Mein, die mit Milena Moser mehr als nur die Initialen gemein hat. Dabei ist «Möchtegern» bei aller augenzwinkernd vorgebrachten Kritik am Schreib-Business und an Casting-Shows nicht als Schlüsselroman zu lesen. Vielmehr trifft Milena Moser mit der unterhaltsamen Mischung aus Krimi und Selbstfindung den Zeitgeist zielgenau, aber nie unter der Gürtellinie.
• Möchtegern. Roman, Nagel & Kimche 2010
• Flowers in your hair, Wie man in San Francisco glücklich wird. Blessing Verlag 2008
• Stutenbiss. Roman, Blessing Verlag 2007
Milena Moser liest am Samstag, 28. August, um 14.00 Uhr auf der Münsterplattform
Jens Nielsen
Jens Nielsen ist Autor, Schauspieler und Sprecher und schreibt einmalige und berückende Theaterstücke und Hörspiele. Er gründete zusammen mit Aglaja Veteranyi die Performance-Theatergruppe «Die Engelmaschine». Seine Prosa- und Theaterstücke leben von einem eigenen Humor, sind gleichzeitig poetisch und skurril und nehmen immer wieder Wendungen in unbekannte Dimensionen an. Auf poetische Weise schildert er Alltagsbeobachtungen, deren Blickwinkel aussergewöhnlich ist: komisch und gleichzeitig todernst. Im Debüt «Alles wird wie niemand will» zeigt er sich als eigenwilliger und mitreissender Erzähler. Die Figuren in Jens Nielsens Geschichten scheinen mit ihrem Untergang keine grossen Schwierigkeiten zu haben. In absurd poetischen und tragikomischen Geschichten begegnen sich Männer und Frauen, ohne richtig aufeinander eingehen zu können. Da gibt es einen Mann, bei dem alles, was in seinem Leben geschieht, gleich ein halbes Jahr her ist. Da fällt ein Mann im Park in Zeitlupentempo um und heiratet dort eine Zufallsbekanntschaft. Und so verwundert es nicht, dass in einer der Erzählungen alles verschwindet: die Möbel, der Wind, die Menschen und selbst das Theater, in dem wir sitzen.
• Alles wird wie niemand will. edition spoken script II, Verlag Der gesunde Menschenversand 2009
Die meisten der im Band publizierten Texte sind Teil von Nielsens Text-Performance «Alles wird wie niemand will».
Jens Nielsen liest am Samstag, 28. August, um 16.20 Uhr hinter dem Casino in der Herrengasse und um 20.00 Uhr in der Turnhalle im PROGR
Jochen Schmidt
Jochen Schmidt gehört zum festen Kern der Berliner Lesebühne «Chaussee der Enthusiasten», an deren Gründung er 1999 beteiligt war. Die mit mindestens zur Hälfte realem «Schmidt-Anteil» ausgestatteten Ich-Erzähler in seinen Büchern stolpern durchs Leben ohne zu verstehen, wer da stolpert. Jochen Schmidt hat die Fähigkeit, mit wenigen Sätzen ein Panoptikum von skurrilen Figuren und absurden Situationen zu skizzieren und darzustellen. Er hat eine erfrischende Art, etwa über das Erwachsenwerden seines Helden zu schreiben, das sich etwas länger hinzieht als geplant, oder sich auseinanderzusetzen mit der Fantasie und Philosophie des Alltags und mit den eigenen Körperfunktionen. Mit einem gut ausgebildeten Spürsinn fürs Pathologische erkundet Jochen Schmidt den dunklen Kontinent des Körpers.
• Schmidt liest Proust. Voland & Quist Verlag 2009
• Meine wichtigsten Körperfunktionen. C. H. Beck Verlag 2007
• Müller haut uns raus. Roman, C. H. Beck Verlag 2002
Jochen Schmidt liest am Samstag, 28. August, um 14.00 Uhr hinter dem Münster und um 21.15 Uhr in der Turnhalle des PROGR
Christoph Simon
Fast zehn Jahre nach seinem Debüt mit dem Kultroman «Franz oder warum Antilopen nebeneinander laufen» hat Christoph Simon ein grossartiges Buch zum literarischen Thema des Spazierens geschrieben. Christoph Simon, geboren 1972 in Langnau im Emmental, lebt und arbeitet seit Jahren in Bern. Zusammen mit Urs Mannhart und Lorenz Langenegger bildet er die Autorengruppe «Die Autören». Der Autor von Schelmenromanen ist erwachsen geworden. In seinem vierten Roman «Spaziergänger Zbinden» findet Christoph Simon einen neuen Ton und wagt sich an die grossen Gefühle des Lebens heran. Es ist ein stilles, feines Buch, das man nicht verschlingt, sondern gemütlich angeht – wie einen Spaziergang eben.
• Spaziergänger Zbinden. Roman, Bilger Verlag 2010
• Planet Obrist. Roman, Bilger Verlag 2005
• Franz oder Warum Antilopen nebeneinander laufen. Roman, Bilger Verlag 2001
Christoph Simon liest am Samstag, 28. August, um 13.00 Uhr in der Brunngasse
Michael Stauffer
Bei Michael Stauffer geht es um alles, was die Sprache zu packen bekommt – und die Sprache war überall schon einmal. Stauffers Versuche, aus dem gewohnten Blick auszuscheren und andere Einteilungen vorzuschlagen, neue Verknüpfungen anzubahnen und skurrile Eingriffe in die Welt einzuleiten, erzeugen eine wohltuende Komik mit Tiefgang. Sein letztes Werk «Soforthilfe» hat weder eine Geschichte noch eine Figur und ist eine grossartige Parodie auf Ratgeberbücher, sozusagen ein Aspirin in Buchform. Ein Muss für alle, die wirksame Vorlagen brauchen für Reden, Gegenreden, Einsichten und Notlügen in jeder nur erdenklichen Situation. Michael Stauffer wird am Samstagabend zusammen mit Noëlle Revaz phonetische Übersetzungen vortragen.
• Soforthilfe. roughbook 002 2009
• Stauffer an Krüsi antworten. Dichterstauffer ruft Künstler Hans Krüsi. Drei Hörspiele, Verlag Der gesunde Menschenversand / Kunstmuseum Thurgau 2008
• Normal, Vereinigung für Normales Glück. Urs Engeler Editor 2007
Michael Stauffer liest am Samstag, 28. August, um 16.00 Uhr hinter dem Münster und um 22.15 Uhr zusammen mit Noëlle Revaz in der Turnhalle im PROGR
Jörg Steiner
«Wir verstehen nicht, was mit uns geschieht», sagt der Erzähler in Jörg Steiners letztem Buch «Ein Kirschbaum am Pazifischen Ozean». Doch man kann davon erzählen. Das tut der bald 80-jährige Bieler Autor mit wunderbarer Gelassenheit und poetischer Intensität. Grosse zeitliche Abstände liegen zwischen den Büchern von Jörg Steiner. Er beherrscht die hohe Kunst der Auslassung, kein Satz ist überflüssig. Steiners Prosa pendelt zwischen Schwebe und Deutlichkeit, zwischen künstlerischer Fiktion und sozialer Realität. Sein Schreiben erfüllt dabei eine Doppelfunktion: nämlich Wirklichkeit einzufangen, ohne die poetische Utopie zu verraten, die über diese Wirklichkeit hinausweist. Durch das gesamte Werk von Jörg Steiner zeiht sich die Spur der Aussenseiter, die sich nicht zur Ordnung bringen lassen, die zugleich aber auch versuchen, für sich selbst eine eigene, kleine, lebenswerte Ordnung zu schaffen. Deshalb sind fast alle Figuren in seinen Romanen Ordnungsstörer, weil «wenn man sich an eine Ordnung gewöhnt hat, fängt man an, selber Ordnung zu verlangen». Er gehört, zusammen mit Peter Bichsel, zu den literarischen Erzählern in der Schweiz, die mit ihren Texten das Leben von Generationen beeinflusst und geprägt haben.
• Ein Kirschbaum am Pazifischen Ozean. Erzählung, Suhrkamp Verlag 2008
• Mit deiner Stimme überlebe ich. Geschichten, Suhrkamp Verlag 2005
• Wer tanzt schon zu Musik von Schostakowitsch. Roman, Suhrkamp Verlag 2000
Jörg Steiner liest am Freitag, 27. August, um 20 Uhr mit Peter Bichsel in Meikirch und am Samstag, 28. August, um 13.00 Uhr auf dem Münsterplatz
Beat Sterchi
Er schreibt Prosa, Reportagen, Kolumnen, Hörspiele und Theaterstücke. Seine kurzen, oft nur wenige Zeilen langen Geschichten spiegeln die Befindlichkeit unserer Gesellschaft. Beat Sterchi liebt zwar Brücken, lebt aber nicht unter solchen. Er lebt von und im Geschriebenen. Dieses kann laut oder leise daherkommen, barfuss, gereimt, in Socken oder in schweren Stiefeln. Sogar uf Bärndütsch. Or in English. Ou en français. Endlich liegen Beat Sterchis Sprechtexte in Buchform vor: «Ging Gang Gäng». Ob Minidramen, Mantras, Gotthelf-Gedichte oder kurze Geschichten über die Kunst und das Lesen: Sterchis Sprache lebt vom Rhythmus, von Klangbildern und der steten Wiederholung von Sprachfetzen aus dem Alltag. Es sind klingende Texte und sprechende Sounds zum Laut- und Leiselesen.
• Ging Gang Gäng. edition spoken script 3, Verlag Der gesunde Menschenversand 2010
• Parlez-vous french? Hörstück gelesen von Beat Sterchi, Christoph Merian Verlag 2006
• Auch sonntags etwas Kleines. Lange Listen, kurze Geschichten, Rotpunktverlag, 1999
Beat Sterchi liest am Freitag, 27. August, um 20.30 Uhr in Münchenbuchsee am Loosli-Abend zusammen mit Pedro Lenz und Fredi Lerch in Begleitung von schön&fön; am Samstag um 13.00 Uhr im Erlacherhof im von Tavel-Projekt und um 20.00 Uhr alleine im PROGR
Alexander Sury
Der Journalist Alexander Sury, Co-Leiter des Kulturressorts von «Der Bund», hat Zeitgenossen getroffen, deren Lebenswege ungewöhnlich verlaufen sind, die aber alle eines gemeinsam haben: Freude am Leben. Er kam mit vielen Fragen zu seinen Gesprächspartnern. Das Resultat seiner Arbeit ist ein Band voller spannender Begegnungen mit Menschen, die aus ihrem Leben Ungewöhnliches gemacht haben. Die Texte gehören zum Besten, was im Schweizer Journalismus in den letzten Jahren entstanden ist.
• Fürs Leben gern. Porträtsammlung, Huber Verlag 2010
Alexander Sury liest am Samstag, 28. August, um 17.00 Uhr im Erlacherhof
Jürgen Theobaldy
Theobaldy braucht fast keinen Stoff, um als Chronist des Alltäglichen Staunen darüber zu wecken, was man mit Wörtern sagen kann. In seinen Romanen und Gedichten werden weder sensationelle Handlungen noch exotische Schauplätze behauptet. Ob die Jugendszene in Mannheim, das neulinke Milieu der Heidelberger Studentenschaft oder das surreal überhöhte Bundes-Bern: Seine Erfahrungen genügen ihm, um Sprachwelten zu entwerfen. Er zitiert die erhabenen lyrischen Vorstellungen nicht nur mit einem Augenzwinkern und in einer sofort lesbaren Pose, sondern nimmt das Erhabene untergründig mit, baut es ein und lässt etwas vom Ernst und von der Grazie jener Lyrik mitschwingen, die auf etwas Absolutes aus ist, auf ein Einssein zwischen Ich und der Welt. Jürgen Theobaldy wird erstmals wieder neue Texte vortragen.
• Wilde Nelken. Gedichte, zu Klampen Verlag 2005
• Trilogie der nächsten Ziele. Roman, zu Klampen Verlag 2003
Jürgen Theobaldy liest am Samstag, 28. August, um 13.00 Uhr hinter dem Casino in der Herrengasse
Ilma Rakusa
Ilma Rakusa, deren Werke bisher nur wenigen bekannt waren, ist im letzten Jahr mit dem Schweizer Buchpreis ausgezeichnet worden und hat dadurch den Weg zu einem breiteren Publikum gefunden. «Mehr Meer», mit dem Untertitel «Erinnerungspassagen», erzählt in 69 kurzen Kapiteln von den Irritationen einer Kindheit und Jugendzeit, denen, bedingt durch die Emigration, ein sicherer Ort fehlte. Die Umzüge, vom Vater mit Umsicht vorbereitet, zwangen das Kind immer wieder dazu, sich von alten Spielkameraden zu verabschieden und sich in neuen Umgebungen einzuleben. Aufgrund dieses häufigen Wohnortswechsels trug die Familie das «Stigma des Nomaden». Maribor, Budapest, Triest und schliesslich Zürich lauteten die Stationen der Emigration. Obwohl oder weil diese Reise von einem Provisorium ins nächste und zuletzt in den Westen führte, behielt der Osten Europas für Ilma Rakusa eine Aura der Sehnsucht, die auch ihre Übersetzungen und Kulturvermittlungen auszeichnen. Rakusas Buch reflektiert eine Reise, die nach Hause führt. Doch wo liegt dieses Zuhause? Die Frage bleibt ohne definitive Antwort. Sehnsucht und Neugierde bedürfen für Rakusa keines fixen Ziels.
• Mehr Meer. Erinnerungspassagen, Droschl Verlag 2009
• Garten, Züge. Eine Erzählung und 10 Gedichte, Edition Thanhäuser Ottensheim 2006
• Durch Schnee. Erzählungen und Prosaminiaturen (mit einem Nachwort von Kathrin Röggla), Suhrkamp 2006
Ilma Rakusa liest am Samstag, 28. August, um 16.00 Uhr auf der Münsterplattform
Noëlle Revaz
2002 veröffentlichte Noëlle Ravaz bei Edition Gallimard ihren Debütroman «Rapport aux bêtes», der als «ästhetischer Schock» wahrgenommen wurde. 2004 erschien das Buch in deutscher Übersetzung bei Urs Engeler Editor in Basel mit dem Titel «Von wegen den Tieren.» Das Buch wurde zweimal für die Theaterbühne angepasst und 2009 verfilmt. Nach sieben Jahren lässt nun Noëlle Revaz einen zweiten Roman folgen. Er handelt, in ungewohnter Form und wieder in einer ganz eigenwilligen Sprache, von einer Frau und einem Mann, die diesmal nicht der Natur ausgeliefert sind, sondern der Kultur. Wieder geht es um zwischenmenschliche Beziehungen, um Machtspiele und Scheitern an der Liebe, und wieder fasziniert der Roman durch seine eigenwillige Sprache. Efina, die junge Frau, begegnet im Theater einem brillanten Schauspieler, im Roman nur «T» genannt. Ein höchst komischer Dialog aus ungelesenen Briefen entsteht. Efina und «T» sind voneinander fasziniert, echte Zwiesprache findet aber nicht statt. Es gelingt ihnen nicht, voneinander zu lassen, gleichzeitig versichern sie sich ständig selbst, wie wenig ihnen der jeweils andere bedeutet. Als einer der Briefe eher zufällig doch noch abgeschickt wird, löst er ein lebenslanges Duell in Briefform aus, einen Dauerstreit wie bei einem alten Ehepaar, dessen Anlass gleichgültig ist. Was zählt, ist, das letzte Wort zu haben.
• Efina. Roman, Gallimard 2009
• Von wegen den Tieren. Roman, aus dem Französischen von Andreas Münzner, Urs Engeler Editor 2004
Noëlle Revaz liest am Samstag, den 28. August, um 15.00 Uhr hinter dem Münster und um 22.15 Uhr mit Michael Stauffer in der Turnhalle im PROGR
Raphael Urweider
Die lyrische Qualität von Raphael Urweiders Texten liegt in einer ganz eigenen Bildsprache und einem eigenwilligen Rhythmus: Er ist ein Forscher und Sucher der Sprache. Wenn der Wissenschaftler nach Erklärungen forscht, so sucht Raphael Urweider nach dem unsicheren Grund des Daseins. Seine Faszination gegenüber Forschern und Entdeckern, die schichtweise die herkömmlichen Betrachtungen abtragen, um dabei auf eine neue Sichtweise zu stossen, taucht in seiner Lyrik immer wieder auf. Urweider entspricht überhaupt nicht dem gängigen Bild des introvertierten Wortsuchers. Behend bewegt er sich in der Welt und entwirft mit stupender Leichtigkeit grossartige Sprachbilder.
• Alle deine Namen. Gedichte, DuMont Verlag 2008
• Das Gegenteil von Fleisch. Gedichte, DuMont Verlag 2004
• Lichter im Menlo Park. Gedichte, DuMont Verlag 2001
Raphael Urweider stellt am Mittwoch, 25. August, um 18.00 Uhr in der Nationalbibliothek
eine Nachdichtung von Otto Nebels «UNFEIG: Eine Neun-Runen-Fuge Zur Unzeit» vor. Er moderiert am Samstag, 28. August, ab 13.00 Uhr hinter dem Casino in der Herrengasse das Lyrikprogramm. Nach 23.00 Uhr liest er zusammen mit Pedro Lenz und Sehrij Zhadan in der Turnhalle des PROGR
Urs Widmer
Urs Widmer ist vielseitig und doch konzentriert; er kommt leichtfüssig daher und ist gleichwohl ein schwergewichtiger Schweizer Autor. Der Sprachzauberer spinnt Gedankenwelten, die zum Nachdenken anregen. Sie handeln von luftigen Utopien, zerbrochenen Sehnsüchten und von einer mit Ironie durchsetzten Normalität. Urs Widmer sagt: «Wissen Sie, ich habe ein Verhältnis zur Sprache, das nicht moralisiert. Die Sprache tut, was sie tut. Und ich schaue zu, was sie tut, verwende das manchmal eins zu eins, aufrichtig, und manchmal mit kritischer Ironie. Aber die Sprache hat immer Recht. Ich bin gegen Sprachkämpfe, gegen Vorwürfe, dass zu viele englische Wörter gebraucht würden, zu wenige französische, dass wir unsern Dialekt pflegen sollten. Ich bin einer, der wie ein Korken auf dieser Sprache schwimmt und dabei seinen wachen Kopf gebraucht. » Urs Widmer erzählt uns in seinem letzten Roman «Herr Adamson» eine wunderbare Geschichte vom Leben, vom Sterben, von einem ganzen Lebensbogen, von der Verquickung von Schicksal und Vorsehung, dem sanft herbeigeführten Zufall sozusagen. Es geht auf, aber erst am Ende des Lebens. Soviel Geduld muss sein. Und zwischendurch darf jeder seine Erfahrungen machen, auch zauberhafte, mysteriöse; glück- und angsterfüllte Momente gehören dazu und haben ihren eigenen Charme.
• Herr Adamson. Roman, Diogenes Verlag 2009
• Valentin Lustigs Pilgerreise: Bericht eines Spaziergangs durch 33 seiner Gemälde, Diogenes Verlag 2008
• Vom Leben, vom Tod und vom Übrigen auch dies und das. Frankfurter Poetikvorlesungen, Diogenes Verlag 2007
Urs Widmer liest am Freitag, 27. August, um 20.00 Uhr in Köniz und am Samstag, 28. August, um 16.00 Uhr im Erlacherhof
Uljana Wolf
Als Uljana Wolf 2006 mit gerade einmal 26 Jahren den renommierten Peter-Huchel-Preis für ihr Debüt verliehen wurde, war die Überraschung gross im kleinen Lyrikbetrieb. Die Erwartungen auf den Nachfolgeband, für den sich die Dichterin vier Jahre lang Zeit gelassen hat, hingen entsprechend hoch. Mit «falsche freunde» legt die Lyrikerin, die sich in der Zwischenzeit als Übersetzerin aus dem Amerikanischen verdient gemacht hat, ein durch und durch komponiertes zweites Buch vor, das auf einem Motiv des Übersetzens basiert: Falsche Freunde, eigentlich Stolpersteine in der Übersetzungsarbeit, sind Wörter aus zwei Sprachen, die gleich aussehen oder gleich klingen, jedoch unterschiedliche Bedeutungen haben. Was ansonsten leicht zu Missverständnissen führen kann, wird gekonnt eingesetzt, um in den Gedichten mehrere Sinnebenen übereinander zu legen. Hierfür hat Uljana Wolf ihren persönlichen DICHTionary angelegt – eine alphabetische Sammlung falscher Freunde, aus der sie das titelgebende erste Kapitel entwickelt hat. Es ist ein Spiel, eines, bei dem die Wörter durch ihre Doppelbedeutungen in stets neue und zusätzliche Richtungen weisen, ohne dass sich der Sinn in alle Richtungen verstreut.
• falsche freunde. Gedichte, kookbooks 2009
• kochanie ich habe brot gekauf. Gedichte, kookbooks 2005
Uljana Wolf liest am Samstag, 28. August, um 14.20 Uhr hinter dem Casino in der Herrengasse
Werner Wüthrich
Der bekannte Brecht-Forscher erzählt in seinem neuen Buch «Die sie Bauern nannten» vom Sterben der Bauernhöfe und dem Verschwinden des Bauernstandes. Grossartig ist seine Verknüpfung von Essay und Fiktion. Kaum ein anderer Schweizer Autor ist geeigneter, dieses Thema aufzugreifen als gerade Werner Wüthrich. Er, der in Texten, Theaterstücken und Filmen seit Jahren immer wieder den Fragen von Leuten, Land und Wirtschaft auf den Grund geht, legt hier brisante Texte zu einem Thema vor, das längst Pflichtstoff unserer Politiker sein sollte. Eine Dokumentation und ein Lesebuch zu den Fragen unserer Landwirtschaftspolitik: Land und Wirtschaft, die Lebensgrundlagen der Landwirtschaft; Boden, Pflanzen und Tiere; Preise und Produkte; Handel, Märkte und Mächte in der Schweiz von heute.
• Die sie Bauern nannten. Lesebuch, Verlag Huber Frauenfeld 2009
• 1948 – Brechts Zürcher Schicksalsjahr. Chronos Verlag 2006
Werner Wüthrich liest am Samstag, 28. August, um 14.00 Uhr im Erlacherhof
Serhij Zhadan
Serhij Zhadan ist der Star der jungen ukrainischen Literatur. Er ist, neben Juri Andruchowytsch, der bekannteste ukrainische Gegenwartsautor. Serhij Zhadan schreibt Lyrik und Prosa und führt uns mitten in die Anarchie der postsowjetischen Umbruchzeit. In seinem neusten Roman «Hymme der demokratischen Jugend» zieht Serhij Zhadan alle Register seines Könnens und schildert in sechs witzigen, temporeichen Episoden ein paar Helden der Transformationszeit – Mitspieler in einer Gesellschaft, die sie bald wieder ausspucken wird. Er treibt die Osteuropa-Klischees auf die Spitze und erzählt von den Glückssuchern der Gegenwart. Mit kämpferischer Attitüde ruft Zhadan das Copyright als letzten «Gegenstand des Klassenkampfes» aus. Serhij Zhadan ist kein Spurenleser. Sein literarischer Raum ist das Hier und Jetzt, das pralle Leben. Er erzählt Geschichten von seiner Generation – urban und ohne Nostalgie.
• Hymne der demokratischen Jugend. Roman, Suhrkamp 2009, übersetzt von Juri Durkot und Sabine Stöhr
• Anarchy in the UKR. Suhrkamp 2007, übersetzt von Claudia Dathe
Serhij Zhadan liest zusammen mit Raphael Urweider am Samstag, 28. August, um 15.40 Uhr hinter dem Casino in der Herrengasse und nach 23.00 Uhr in der Turnhalle im PROGR
Peter J. Betts
Er arbeitet/e als Schriftsteller Lehrer, Journalist, Übersetzer und war von 1978 – 2003 als Kulturbeauftragter der Stadt Bern tätig. Schwerpunkte und Ziele seiner politischen, künstlerischen und sozialen Arbeit sind der Versuch, «künstlerische» und «berufliche» Arbeit zu einer Synthese in Wirkung und Sein zu führen. Er versteht literarische Ergebnisse als Kunst und als Beitrag zur Realität. Ihn interessieren Entwicklungsabläufe, gesellschaftliche Zusammenhänge, das Verhältnis zwischen Individuum und Gemeinschaft, psycho- und soziologische Strukturen und Wechselbeziehungen. Er versucht Komplexität einfach, aber nicht vereinfachend darzustellen: Humor, Sarkasmus und Zärtlichkeit sind wesentliche Stilmittel; Respekt vor seinen Figuren ist Voraussetzung.
Einige literarische Hauptwerke:
• Schwarze Kiste. Essay-Roman, Dittrich Verlag Berlin 2010
• Frühere Publikationen: Die Pendler, Anpassungsversuche, Der Spiegel des Kadschiwe, Natter – Ein Imperium. Romane, alle im Zytglogge Verlag erschienen
• Für das Theater: Saul 1973, Notbremse 1985, Tag der Tulpen 1986, Sie singen, die Delphine 1996
• Weitere Werke für Radio, Fernsehen und Film
Peter J. Betts liest am Samstag, 28. August, um 15.00 Uhr im Erlacherhof
Guy Krneta
Er schrieb mehrere Theaterstücke, die viel gespielt und mehrfach ausgezeichnet wurden. Seine in Mundart oder in der Standardsprache verfassten Werke greifen Alltägliches heraus; Szenen, die er im Bus oder auf der Strasse aufschnappt, verdichtet Krneta zu einer poetischen Darstellung. Seine Figuren haben oft etwas Kauziges, aber es sind liebenswürdige Käuze, die Abgründe offenbaren, die dem Leser oder Zuschauer nicht fremd sind. Krneta nimmt seine Figuren ernst und lotet sie aus in einer Sprache, die die Vielschichtigkeit der Protagonisten zutage fördert. Seine Texte lesen sich wie Alltagsgespräche, sind aber kunstvoll komponiert und verleihen der Mundart einen literarischen Glanz, wie er in der aktuellen Schweizer Literatur- und Theaterszene selten ist. Seit 2006 schreibt Guy Krneta regelmässig für Schweizer Radio DRS 1 die «Morgengeschichten». Die schönsten Morgengeschichten sind jetzt in der «edition spoken script» erschienen. Es ist eine Art öffentliches Skizzenbuch über das Schweizer Alltagsleben.
• Mittelland. Morgengeschichten, edition spoken script, Verlag Der gesunde Menschenversand 2009
• Buumes oder die Erfindung der Nachbarschaft. Verlag Der gesunde Menschenversand 2007
Guy Krneta liest am Samstag, 28. August, um 13.00 Uhr im von Tavel-Projekt im Erlacherhof und um 20.00 Uhr in der Turnhalle im PROGR